Wissenschaftlich schreiben heißt klar statt kompliziert. 6 Regeln zu Ich-Form, Passiv, Satzbau und Füllwörtern – mit Beispielen zum Überarbeiten.

"Wissenschaftlich zu formulieren heißt nicht, kompliziert zu klingen – sondern exakte Informationen klar zu vermitteln."
Die Gliederung steht, die Quellen liegen sortiert daneben — und dann bleibt der erste Satz trotzdem eine halbe Stunde lang leer. Meistens liegt das nicht am Thema, sondern an einer falschen Vorstellung davon, wie wissenschaftliche Sprache klingen muss: möglichst lang, möglichst verschachtelt, möglichst viele Fachbegriffe. Genau das Gegenteil ist gefragt. Wissenschaftlich zu formulieren heißt, exakte Informationen so zu vermitteln, dass sie klar und nachvollziehbar sind. Die folgenden sechs Regeln stammen aus Handreichungen deutscher Hochschul-Schreibwerkstätten und lassen sich beim Überarbeiten direkt abarbeiten.
Die Schreibwerkstatt der Universität Mainz beschreibt das Missverständnis in ihrer Handreichung zum wissenschaftlichen Formulieren sehr direkt: Viele Studierende hätten verinnerlicht, wissenschaftliche Sprache müsse so komplex wie möglich sein, versuchten lange verschachtelte Sätze mit vielen Fachbegriffen zu bauen und erschwerten sich mit unnötigen Nominalisierungen das Schreiben selbst. Das Ziel sei aber eine verständliche, klare Sprache, die dem Leser exakte Informationen vermittelt und angenehm zu lesen ist.
Das Propädeutikum der Universität Tübingen fasst denselben Anspruch in drei Begriffe: Klarheit, Präzision und Verständlichkeit. Und der Leitfaden des Instituts für Germanistik der Universität Oldenburg weist darauf hin, dass schwer lesbare Fachtexte zwei Ursachen haben können — entweder ist die Sache selbst kompliziert, oder die Autorin hat sich schlicht nicht ausreichend um Verständlichkeit bemüht. Sprachliche Korrektheit und Verständlichkeit gelten dort als oberste Leitlinie beim Formulieren.
Zwei Dinge nehmen dabei Druck raus. Erstens: Guter Stil ist erlernbar. Die Schreibwerkstatt der Freien Universität Berlin betont ausdrücklich, dass Schreibkompetenz nicht automatisch von vermeintlichen „Talenten" mitgebracht wird, sondern in formellen und informellen Regeln besteht, die man kennen und gezielt anwenden kann. Zweitens: Dein erster Entwurf muss diesen Stil noch gar nicht treffen. Sowohl Mainz als auch Oldenburg halten fest, dass die Rohfassung nicht perfekt sein muss — der Stil entsteht beim Überarbeiten. Wenn du noch an der Rohfassung sitzt, hilft dir der Ablauf in unserem Ratgeber Hausarbeit schreiben: in 6 Schritten zur Rohfassung.
Die klarste Einzelregel aus der Mainzer Handreichung lautet genau so: Die Hauptsache gehört in den Hauptsatz. Wichtige Aussagen sollten nicht in Nebensätzen versteckt werden. Dazu kommt eine harte Obergrenze für den Satzanfang — nicht mehr als ein Nebensatz vor dem Hauptsatz.
Praktisch heißt das: Wenn du beim Lesen deines eigenen Satzes das Prädikat suchen musst, ist der Satz zu lang. Teile ihn, bevor er zu komplex wird. Ein zweiter Hebel sind Einschübe. Sie machen den Satzbau abwechslungsreich, zerstückeln ihn aber auch. Mainz empfiehlt, Subjekt und Prädikat zusammenzuziehen, wenn nach dem Einschub nur noch ein Wort folgt:
| Unglücklich | Besser |
|---|---|
| Das Unternehmen musste nach zwanzig Jahren — da der Eigentümer verstorben war — schließen. | Das Unternehmen musste nach zwanzig Jahren schließen, da der Eigentümer verstorben war. |
| Dieser Punkt sticht besonders aus der Argumentation des Autors, selbst studierter Ethnologe, heraus. | Aus der Argumentation des Autors, selbst studierter Ethnologe, sticht dieser Punkt besonders heraus. |
Umgekehrt lässt sich die prominente Position am Satzanfang gezielt nutzen: Was dort steht, wirkt betont. „Der Ansatz xy hingegen hat sich in der Analyse als sehr viel aussagekräftiger erwiesen" setzt einen anderen Schwerpunkt als die Variante, die mit „Als sehr viel aussagekräftiger…" beginnt.
Hier liegt der häufigste Fehler in Stilratgebern: Das pauschale Verbot der Ich-Form gibt es nicht. Das Zentrum für Wissenschaftsdidaktik der Ruhr-Universität Bochum ordnet die Frage so ein: Ob in einem Fach das Wort „ich" verwendet wird, hängt stark davon ab, welche Vorstellungen von Objektivität bei der Wissensproduktion vorherrschen.
Daraus ergibt sich ein nachvollziehbares Muster. In quantitativ-empirischen Fächern — Naturwissenschaften, Technik — wird „ich" vermieden, weil die Durchführung eines Versuchs gerade nicht von der handelnden Person abhängen soll. Bei qualitativen Studien mit teilnehmender Beobachtung ist das „ich" dagegen oft ausdrücklich gefordert, weil die eigene Perspektive offengelegt werden muss, damit die Untersuchung nachvollziehbar bleibt.
Die Mainzer Handreichung ergänzt die praktische Seite: Je nach Fachkonvention darf die eigene Person bei bestimmten Anlässen genannt werden, etwa wenn du in Einleitung und Schluss dein eigenes Vorgehen darstellst. Dein Vorgehen: Sieh in den Leitfaden deines Instituts und in zwei, drei benotete Arbeiten deines Fachs. Was dort steht, gilt — nicht die allgemeine Regel aus dem Internet.
Das Passiv ist in wissenschaftlichen Texten gebräuchlicher als in gesprochener Sprache, und es hat eine klare Funktion: Es wird eingesetzt, wenn der Vorgang stärker betont werden soll als der Urheber der Handlung. Bei zu häufigem Gebrauch wirkt es allerdings sperrig und unpersönlich — Mainz rät deshalb ausdrücklich zum Variieren.
Die Alternativen, mit denen du dich als Autorin oder Autor aus dem Satz heraushältst, ohne alles ins Passiv zu setzen:
Ein Argument spricht dabei für das Aktiv, das oft übersehen wird: Im Aktiv ist die Aussage häufig eindeutiger, weil der Urheber einer Handlung genannt werden muss. Wer im Passiv schreibt, kann unbemerkt offenlassen, wer eigentlich etwas festgestellt, gemessen oder behauptet hat — und genau diese Zuordnung ist in einer wissenschaftlichen Arbeit entscheidend. Wie du fremde Aussagen sauber zuordnest, ohne in den Nacherzähl-Modus zu rutschen, steht in Paraphrasieren: 4 Regeln für Quellen in eigenen Worten.
Nominalisierungen sind der zuverlässigste Weg, einen Satz schwerfällig zu machen. Verben können durch den geschickten Einsatz von Modus und Tempus starke Aussagen treffen — stärker als Substantive und Nominalisierungen, hält die Mainzer Handreichung fest.
Besonders tückisch sind Substantivketten: Reiht man Substantive aneinander, erfordern sie Präpositionen und weitere Konnektoren, die den Satz zusätzlich beschweren. Die Gegenmaßnahme ist immer dieselbe — Substantive zurück in aktive Verben verwandeln:
| Nominalstil | Mit Verben |
|---|---|
| Zur Durchführung der Auswertung der erhobenen Daten erfolgte eine Anwendung des Verfahrens xy. | Die erhobenen Daten wurden mit dem Verfahren xy ausgewertet. |
| Im Rahmen der Untersuchung fand eine Berücksichtigung der Vorarbeiten statt. | Die Untersuchung berücksichtigt die Vorarbeiten. |
Ein einfacher Test beim Überarbeiten: Suche nach Wörtern auf „-ung", „-heit", „-keit" und nach den Verben „erfolgen", „stattfinden", „durchführen", „vornehmen". Wo sie stehen, versteckt sich fast immer ein besseres Verb.
Füllwörter und relativierende Partikel stellen im Gespräch feine Nuancen her. In einem geschriebenen Fachtext setzt du dagegen auf eindeutige, klare Aussagen — deshalb der Rat aus Mainz, solche Wörter beim Überarbeiten zu löschen. Die dort genannte Liste enthält unter anderem: aber, auch, bloß, denn, eben, eigentlich, etwa, einigermaßen, halt, ja, nämlich.
Der zweite Streichdurchgang gilt Wertungen. Wissenschaftliche Texte bemühen sich um objektive, überprüfbare Aussagen; Ausdrücke, die zu emotional oder subjektiv wertend klingen, gehören nicht hinein. Ein Satz wie „Mit diesem phantastischen Artikel hat Müller einen unschätzbar wertvollen Beitrag geleistet" bewertet, statt zu belegen. Der Oldenburger Leitfaden zählt das Abstrahieren von eigenen unmittelbaren Urteilen, Bewertungen und Gefühlen zu den sechs Kernanforderungen an wissenschaftliche Texte — neben dem angemessenen Umgang mit Fremdwörtern und Fachbegriffen.
Streiche außerdem Doppelungen, die im Wortsinn dasselbe zweimal sagen: „die überwiegende Mehrheit", „noch einmal wiederholen", „bereits schon".
Wissenschaftssprache ist Schriftsprache — unter dieser Überschrift sammelt die Mainzer Handreichung alles, was aus dem mündlichen Register stammt und im Text nichts zu suchen hat. Dazu gehören neben den Füllwörtern vor allem feste Wendungen und Bilder aus der Alltagssprache: „des Pudels Kern", „andersherum wird ein Schuh draus", „durch die Decke gehen", „eine Win-win-Situation".
Auch bei Zitaten ist der Stil eine bewusste Entscheidung. Wörtliche Zitate solltest du nur verwenden, wenn es auf den genauen Wortlaut ankommt — bei Definitionen, wichtigen Thesen, besonders treffenden Formulierungen und bei Textteilen, die du anschließend analysierst. In allen anderen Fällen paraphrasierst du und markierst das sprachlich, etwa mit Präpositionen wie „laut", „gemäß" oder „nach" plus Indikativ oder mit dem Konjunktiv I. Welche Belegform dazugehört, klärt Richtig zitieren im Studium: APA, Harvard und Fußnote.
Stil entsteht beim Überarbeiten, nicht beim ersten Schreiben. Plane dafür einen eigenen Durchgang ein, getrennt von Inhalt und Formalia — dieselbe Logik, die auch beim Korrekturlesen der Bachelorarbeit gilt. Eine bewährte Reihenfolge:
Der letzte Punkt ist der wirksamste und wird am häufigsten ausgelassen. Wenn dir das Vorlesen am Bildschirm schwerfällt, kannst du dir den Text auch als Audio vorlesen lassen und beim Hören markieren, wo du hängen bleibst — Stolperstellen beim Hören sind fast immer Stolperstellen beim Lesen. In Learnboost kannst du deine eigene Rohfassung dafür hochladen und dir anhören, statt sie zum zehnten Mal zu überfliegen.
Ein guter Prüfmaßstab kommt aus dem Oldenburger Leitfaden: Alle Formen wissenschaftlichen Schreibens sollten einen Ton rationaler Erklärung und Diskussion gemeinsam haben. Es geht um die Konzentration auf die Sache, und Sprache ist das Mittel, um auf rationale Weise Klarheit zu schaffen.
Dazu kommt ein Perspektivwechsel, der beim Schreiben hilft: Deine Dozentin liest deinen Text nicht als Person, die ohnehin schon alles weiß, sondern stellvertretend für die wissenschaftliche Fachgemeinschaft. Du schreibst also nicht, um jemandem etwas zu beweisen, den du kennst, sondern um für Fachleute nachvollziehbar zu sein, die dich nicht kennen. Und eine letzte Einschränkung, die Mainz selbst macht: Diese Hinweise gelten für das wissenschaftliche Deutsch. In anderen Wissenschaftssprachen gelten teils andere Konventionen — und die Vorgaben deines Fachs stehen immer über der allgemeinen Regel.
Wenn du mit deinem Stil noch unsicher bist, hilft Lesen mehr als jede Regelliste: Guter Stil lässt sich am besten an guten Vorbildern entwickeln, wie der Oldenburger Leitfaden festhält. Nimm zwei Aufsätze aus deinem Fach, die du gut lesen konntest, und sieh nach, wie dort Sätze anfangen, wie oft „ich" vorkommt und wie Quellen eingebunden werden. Wie du solche Texte effizient durcharbeitest, steht in Wissenschaftliche Texte lesen: 6 Schritte, die Zeit sparen. Und wenn du aus langen Skripten und Papers erst einmal eine saubere Arbeitsgrundlage brauchst, kannst du dir mit Learnboost Zusammenfassungen aus deinen Unterlagen erstellen — den Stil deiner eigenen Arbeit schreibst du danach selbst.
Das entscheidet dein Fach, nicht eine allgemeine Regel. Das Zentrum für Wissenschaftsdidaktik der Ruhr-Universität Bochum ordnet es so ein: Ob "ich" verwendet wird, hängt davon ab, welche Vorstellung von Objektivität in der Disziplin vorherrscht. In quantitativ-empirischen Fächern wird es vermieden, bei qualitativen Studien mit teilnehmender Beobachtung ist es oft gefordert. Sieh in den Leitfaden deines Instituts.
Es gibt keine feste Wortgrenze, aber eine gute Faustregel: Wenn du beim Lesen das Prädikat suchen musst, ist der Satz zu lang. Die Schreibwerkstatt der Universität Mainz nennt zwei konkrete Regeln – die Hauptsache gehört in den Hauptsatz, und vor dem Hauptsatz steht höchstens ein Nebensatz.
Nein. Das Passiv ist in Fachtexten gebräuchlicher als in gesprochener Sprache, wirkt bei zu häufigem Gebrauch aber sperrig. Setz es ein, wenn der Vorgang wichtiger ist als der Urheber, und variiere sonst mit unpersönlichen Formulierungen. Das Aktiv ist häufig sogar eindeutiger, weil es zwingt, den Urheber einer Aussage zu nennen.
Füllwörter und relativierende Partikel wie "eigentlich", "eben", "halt", "ja", "nämlich", "bloß" oder "einigermaßen". Dazu Wertungen wie "phantastisch" oder "unschätzbar wertvoll", Redewendungen aus der Alltagssprache und Doppelungen wie "die überwiegende Mehrheit" oder "bereits schon".
Besser danach. Sowohl die Mainzer Schreibwerkstatt als auch der Leitfaden der Universität Oldenburg halten fest, dass die Rohfassung nicht perfekt sein muss. Plane einen eigenen Stil-Durchgang ein, getrennt von Inhalt und Formalia, und arbeite dabei Satzlängen, Nominalstil, Passivquote und Füllwörter nacheinander ab.