Open-Book-Klausur vorbereiten: Material, Zeit, Strategie

Open-Book-Klausur heißt nicht weniger lernen: So klärst du die Hilfsmittel, baust ein Nachschlagesystem und übst Transferfragen unter Zeitdruck.

Open-Book-Klausur vorbereiten: Material, Zeit, Strategie

"Open Book heißt nicht weniger lernen, sondern anders: auf Anwendung statt Wiedergabe und auf Tempo beim Finden."

Auf dem Klausurplan steht „Open Book", und zuerst klingt das nach Entlastung: Unterlagen erlaubt, also weniger auswendig lernen. Genau dieses Missverständnis ist der häufigste Grund, warum das Format enttäuscht — die Aufgaben sind so gebaut, dass Nachschlagen allein nicht reicht. Entscheidend ist, wie schnell du im eigenen Material findest und wie sicher du den Stoff anwenden kannst. Dieser Leitfaden zeigt dir die drei Varianten des Formats, wie du die Hilfsmittelregeln vorab klärst und wie du dich in den Wochen davor konkret vorbereitest.

Was eine Open-Book-Klausur ist – und welche drei Varianten es gibt

Open Book bezeichnet kein eigenes Prüfungsfach und keine eigene Prüfungsform, sondern eine Erlaubnis: Du darfst fachbezogene Hilfsmittel aus der Lehrveranstaltung benutzen — Skripte, Mitschriften, Formelsammlungen, Rechtsvorschriften, Lehrbücher. Das Bayerische Kompetenzzentrum für Fernprüfungen an der TU München hält in seiner Handreichung fest, dass eine beaufsichtigte Open-Book-Klausur prüfungsrechtlich eine Klausur mit einer Vielzahl zugelassener Hilfsmittel ist. Unbeaufsichtigte Formate brauchen dagegen eine ausdrückliche Regelung in der Prüfungsordnung.

Hinter dem Begriff stecken drei deutlich unterschiedliche Formate, und sie verlangen unterschiedliche Vorbereitung:

Variante Aufsicht Zeit
Open-Book-Klausur ja, Aufsichtsprüfung eng begrenzt, meist 90 bis 120 Minuten
Klausurähnliche Vertrauensprüfung nein ebenfalls eng begrenzt, alle schreiben gleichzeitig
Take-Home-Exam nein Zeitfenster meist 24 bis 48 Stunden, Bearbeitung selbst meist wenige Stunden

Ein Take-Home-Exam ist deshalb keine Hausarbeit: Die Hausarbeit ist auf mehrere Tage bis Wochen ausgelegt, das Take-Home-Exam auf wenige Stunden innerhalb eines flexiblen Fensters. Welche Variante du schreibst, steht in der Ankündigung der Prüfenden — und davon hängt ab, ob du Tempo oder Tiefe üben musst.

Warum Open Book nicht die leichtere Klausur ist

Die Prüfungsforschung ist an diesem Punkt unbequem. Eine Evidenzzusammenfassung der britischen Prüfungsorganisation AQA aus dem Jahr 2022 kommt zu dem Ergebnis, dass direkte Vergleiche keine signifikanten Leistungsunterschiede zwischen Open-Book- und Closed-Book-Prüfungen gefunden haben. Als Erklärung nennt sie zwei Verhaltensmuster: Studierende bereiten sich weniger vor, weil sie glauben, die Antworten nachschlagen zu können — und verbringen dann in der Prüfung viel Zeit mit dem Suchen von Informationen statt mit dem Formulieren von Antworten. Auch die verbreitete Erwartung, Open Book führe automatisch zu tieferem Lernen, bestätigte sich in den Studien nicht durchgängig. Selbst beim Stress ist der Vorteil kleiner als gedacht: Studierende verbinden das Format zwar mit weniger Angst, in einer Befragung berichteten aber 45 Prozent von vergleichbarem Stress in beiden Formaten.

Dazu kommt die Logik der Aufgabenstellung. Weil Nachschlagen erlaubt ist, verliert reines Faktenwissen seinen Wert als Prüfungsgegenstand. Die TUM-Handreichung formuliert das als Hinweis an die Lehrenden: Open-Book-Prüfungen eignen sich vor allem für Aufgaben, in denen Wissenstransfer und Anwendung gefordert werden; wer überwiegend Reproduktionsfragen stellt, für den ist das Format eher ungeeignet. Offene Antwortformate wie Freitext, Konstruktionen oder Zeichnungen passen dazu besser als Multiple Choice.

Für dich heißt das: Die Fragen werden nicht leichter, sie werden anders. Du wirst seltener gefragt, was etwas ist, und häufiger, was daraus folgt.

Schritt 1: Hilfsmittel und Regeln klären, bevor du anfängst zu lernen

Welche Hilfsmittel erlaubt sind, legen in der Regel die Prüfenden selbst fest, nicht die Prüfungsordnung im Detail. Die Allgemeine Prüfungs- und Studienordnung der TU München regelt zum Beispiel, dass der jeweilige Prüfende die zugelassenen Hilfsmittel bestimmt und sie mindestens vier Wochen vor dem Prüfungstermin bekannt gegeben werden. An deiner Hochschule kann die Frist anders lauten — der Punkt ist, dass diese Ankündigung existiert und dass du sie suchen musst.

Achte beim Lesen auf die Richtung der Abgrenzung. Entweder ist alles erlaubt bis auf präzise aufgelistete Ausnahmen, oder es ist grundsätzlich nichts erlaubt außer den aufgelisteten Hilfsmitteln. Das ist der Unterschied zwischen „Internetrecherche ist ausgeschlossen" und „zugelassen sind Skript und eigene Mitschrift" — im zweiten Fall ist auch das Lehrbuch tabu.

Zwei Regeln gelten erfahrungsgemäß unabhängig vom Format: Kommunikationsmittel zum Austausch mit anderen sind üblicherweise nicht zugelassen, und die Lösung muss von dir selbst stammen. Das Merkblatt der Hochschule Bochum für onlinebasierte Open-Book-Prüfungen (Fassung von 2021) formuliert es ausdrücklich: Jegliche Kommunikation mit anderen Menschen — Sprechen, Telefonieren, Chatten, E-Mails — ist während der Prüfung untersagt, die Lösungen müssen einzeln und eigenständig erstellt werden. Täuschungsversuche, insbesondere Hilfe durch weitere Personen, werden dort mit „Nicht bestanden" bewertet, ohne zusätzlichen Prüfungsversuch. Auch die Universität Bielefeld, die unbeaufsichtigte Open-Book-Klausuren über ein Prüfungs-Moodle abwickelt und dabei Notizen, Bücher und Webseiten zulässt, schließt Zusammenarbeit und Hilfe durch andere Personen aus. Bei unbeaufsichtigten Formaten kommt häufig eine Eigenständigkeitserklärung dazu, die du mit der Abgabe unterschreibst.

Diese sechs Fragen solltest du vor dem Lernen beantwortet haben:

  • Welche der drei Varianten schreibe ich — mit Aufsicht, ohne Aufsicht, oder über ein mehrstündiges Zeitfenster?
  • Sind die Hilfsmittel positiv oder negativ abgegrenzt, und was genau steht auf der Liste?
  • Darf mein Material eigene Anmerkungen enthalten, oder nur Markierungen?
  • Ist Internetrecherche ausdrücklich zugelassen?
  • Bei Online-Prüfungen: Welche Plattform, welches Abgabeformat, welche Technik brauche ich?
  • Wie lange habe ich, und wie viele Aufgaben sind es?

Was dort nicht steht, klärst du vorher bei den Prüfenden oder im Prüfungsamt — nicht am Prüfungstag und nicht nach Hörensagen aus dem Semester. Welche Stellen deiner Prüfungsordnung dafür überhaupt relevant sind, zeigt dir der Ratgeber dazu, wie du eine Prüfungsordnung liest. Die Regeln unterscheiden sich von Hochschule zu Hochschule und von Prüfung zu Prüfung; die Beispiele hier sind Belege dafür, dass es solche Regeln gibt, keine Auskunft über deinen Fall.

Schritt 2: Ein Nachschlagesystem bauen, in dem du in 30 Sekunden findest

Wenn Suchzeit die eigentliche Währung ist, dann ist die Organisation deiner Unterlagen die halbe Vorbereitung. Ein Stapel aus Skript, vier Mitschriften und sieben Übungsblättern ist kein Hilfsmittel, sondern ein Zeitfresser.

Was funktioniert:

  • Ein Dokument statt dreißig. Skript, Mitschrift und Übungslösungen in eine durchnummerierte Datei oder einen Ordner mit fortlaufenden Seitenzahlen. Alles, was du in der Prüfung aufklappen musst, hat eine Nummer.
  • Ein Index nach Begriffen, nicht nach Kapiteln. Vorne eine Liste: Begriff oder Aufgabentyp, dahinter die Seitenzahl. Sortiert nach dem, wonach du in der Klausur suchen wirst — und das sind die Wörter aus den Aufgabenstellungen, nicht die Kapitelüberschriften der Vorlesung.
  • Ein Übersichtsblatt pro Thema. Definition, Formel oder Schema, eine typische Aufgabe, die typische Falle. Das ist die Seite, die du zuerst aufschlägst.
  • Lösungswege statt Lösungen. Bei Rechen- und Fallaufgaben notierst du den Weg in Schritten, nicht das Ergebnis. In der Prüfung brauchst du das Verfahren, nicht die Zahl von damals.
  • Bei digitalen Prüfungen: Suche testen. Einheitliche Begriffe, Lesezeichen auf die Übersichtsblätter, und einmal ausprobieren, ob die Volltextsuche in deinem PDF wirklich funktioniert — gescannte Seiten sind oft nicht durchsuchbar.

Wie du die Grundlage dafür aufbaust, steht ausführlich in den Ratgebern zum Organisieren deiner Lernunterlagen und zum Schreiben einer Zusammenfassung. Wenn du die Übersichtsblätter nicht für jedes Thema von Hand tippen willst, kannst du deine Skripte in Learnboost hochladen und sich daraus Zusammenfassungen erstellen lassen, die du anschließend selbst nachschärfst.

Dieses Nachschärfen ist nicht optional. Ein Material, dessen Aufbau du nicht selbst im Kopf hast, nützt dir unter Zeitdruck nichts — auch deshalb sind fremde Zusammenfassungen aus dem Semesterchat in einer Open-Book-Klausur oft die schlechteste Wahl.

Schritt 3: Transferfragen üben statt Faktenwissen

Weil Reproduktionsfragen in diesem Format kaum vorkommen, bringt das Abfragen von Definitionen wenig. Üben musst du das, was wirklich geprüft wird: anwenden, einordnen, begründen, rechnen.

Der schnellste Zugang sind alte Prüfungen. Wie du sie systematisch auswertest, statt sie nur durchzulesen, zeigt der Ratgeber zum Nutzen von Altklausuren. Achte dabei weniger auf die Inhalte als auf die Aufgabentypen: Welche Art von Frage kommt immer wieder, und was muss ich dafür können?

Danach baust du dir selbst Fragen, die man nicht nachschlagen kann. Gute Muster beginnen mit „Warum …", „Was ändert sich, wenn …", „Vergleiche … hinsichtlich …" oder „Welches Verfahren passt hier und warum nicht das andere". Anleitung dazu gibt der Ratgeber zum Erstellen einer eigenen Probeklausur; wer die Fragen aus den eigenen Unterlagen generieren lassen möchte, kann dafür die Probeklausuren-Funktion von Learnboost nutzen und die Fragen danach auf Transfer prüfen.

Den eigentlichen Test machst du einmal unter echten Bedingungen: mit Uhr, mit deinem Material, ohne Pause. Notiere dir dabei nicht nur die Punkte, sondern auch die Stellen, an denen du zu lange gesucht hast. Jede dieser Stellen ist eine Lücke in deinem Index — und in zehn Minuten behoben.

Schritt 4: Der Prüfungstag – Reihenfolge, Suchbudget, eigene Worte

Lies zuerst alle Aufgaben und verteile deine Minuten nach Punkten, bevor du die erste Zeile schreibst. Wie du das sauber aufziehst, steht im Ratgeber zur Zeiteinteilung am Prüfungstag.

Setze dir ein Suchbudget. Ein bis zwei Minuten pro Nachschlagen, dann machst du weiter und markierst die Stelle. Das ist die direkte Gegenmaßnahme zu dem Muster, das die AQA-Zusammenfassung beschreibt: Zeit im Material verlieren, statt Antworten zu formulieren. Eine halb beantwortete Transferfrage bringt Punkte, eine perfekt nachgeschlagene Definition bei einer unbearbeiteten Aufgabe nicht.

Formuliere in eigenen Worten. Abgeschriebene Passagen beantworten eine Anwendungsfrage selten und können außerdem mit den Zitier- und Eigenständigkeitsregeln deiner Prüfung kollidieren — bei unbeaufsichtigten Formaten gehört das zu den Punkten, die du vorher klären solltest.

Bei Online-Formaten kommt die Technik dazu, und zwar auf deine Verantwortung: Die Hochschule Bochum stellt in ihrem Merkblatt klar, dass Studierende selbst für die technische Infrastruktur und deren Funktionsfähigkeit während der gesamten Prüfung verantwortlich sind, und empfiehlt unter anderem, System- und Software-Updates vorher abzuschalten. Teste den Abgabeweg einmal vorab, halte bei angekündigter Identitätsprüfung deinen Studierendenausweis bereit, und lege eine Scan-App bereit, falls du handschriftliche Lösungen hochladen musst. Was am Prüfungstag selbst hilft, um überhaupt konzentriert zu bleiben, steht im Ratgeber zur Konzentration bei Prüfungen.

Die fünf häufigsten Fehler

Fehler Besser
Weniger lernen, weil Material erlaubt ist Gleich viel lernen, aber auf Anwendung statt auf Wiedergabe
Unterlagen erst am Vorabend sortieren Index und Übersichtsblätter zwei Wochen vorher bauen und benutzen
Fremde Zusammenfassung mitnehmen Eigenes Material, dessen Aufbau du im Kopf hast
In der Prüfung ausgiebig suchen Suchbudget von ein bis zwei Minuten, dann markieren und weiter
Passagen aus dem Skript abschreiben In eigenen Worten antworten und die Frage wirklich beantworten

Dein Fahrplan für die letzten zwei Wochen

Zwei Wochen vorher holst du die Hilfsmittel-Ankündigung und klärst offene Punkte bei den Prüfenden. In der ersten Woche baust du das Nachschlagesystem: ein Dokument, ein Index nach Begriffen, ein Übersichtsblatt pro Thema. In der zweiten Woche übst du Transferfragen aus Altklausuren und schreibst eine Probeklausur unter Zeitbedingungen — danach ergänzt du genau die Index-Einträge, die dir gefehlt haben. Wie du diese zwei Wochen in eine größere Klausurphase einbettest, zeigt der 6-Wochen-Zeitplan für die Klausurphase.

Wenn du dafür nicht erst Material aufbauen willst, lade deine Vorlesungsunterlagen hoch und lass dir Zusammenfassungen und Übungsfragen daraus erzeugen — das verkürzt den mechanischen Teil der Vorbereitung auf das, was wirklich zählt: üben, Antworten zu formulieren, statt sie zu suchen.

Häufig gestellte Fragen (FAQ):

Muss ich für eine Open-Book-Klausur weniger lernen?

Nein. Eine Evidenzzusammenfassung der Prüfungsorganisation AQA fand in direkten Vergleichen keine signifikanten Leistungsunterschiede zwischen Open-Book- und Closed-Book-Prüfungen. Als Erklärung nennt sie unter anderem, dass Studierende sich weniger vorbereiten, weil sie glauben nachschlagen zu können, und in der Prüfung dann viel Zeit mit Suchen statt mit Antworten verbringen. Der Aufwand verschiebt sich also, er verschwindet nicht: weg vom Auswendiglernen, hin zu Anwendung und einem Material, in dem du schnell findest.

Welche Hilfsmittel darf ich in einer Open-Book-Klausur benutzen?

Das legen in der Regel die Prüfenden fest, nicht die Prüfungsordnung im Detail. An der TU München bestimmt laut Prüfungs- und Studienordnung der jeweilige Prüfende die zugelassenen Hilfsmittel, und sie werden mindestens vier Wochen vor dem Termin bekannt gegeben. Achte darauf, in welche Richtung die Liste abgegrenzt ist: Entweder ist alles erlaubt außer den genannten Ausnahmen, oder es ist nur das erlaubt, was ausdrücklich aufgeführt wird.

Darf ich bei einer Open-Book-Klausur das Internet benutzen?

Nur wenn es ausdrücklich zugelassen ist. Die Universität Bielefeld lässt bei ihren unbeaufsichtigten Open-Book-Klausuren zum Beispiel Notizen, Bücher und Webseiten zu, andere Prüfungen schließen Endgeräte zur Internetrecherche aus. Unabhängig davon gilt praktisch überall ein Kommunikationsverbot: Nachschlagen im Netz ist etwas anderes als jemanden zu fragen.

Was ist der Unterschied zwischen einem Take-Home-Exam und einer Hausarbeit?

Vor allem die Bearbeitungsdauer. Bei einem Take-Home-Exam öffnet sich meist ein Zeitfenster von 24 bis 48 Stunden, in dem du flexibel arbeiten kannst, die eigentliche Bearbeitungszeit beträgt aber in der Regel nur wenige Stunden. Eine Hausarbeit ist dagegen auf mehrere Tage bis Wochen ausgelegt. Das Take-Home-Exam ist damit näher an der Klausur als am wissenschaftlichen Text.

Was passiert, wenn ich bei einer Open-Book-Prüfung mit anderen zusammenarbeite?

Das gilt als Täuschungsversuch und wird entsprechend bewertet. Im Merkblatt der Hochschule Bochum zu onlinebasierten Open-Book-Prüfungen ist jegliche Kommunikation mit anderen Menschen während der Prüfung untersagt, und Täuschungsversuche, insbesondere Hilfe durch weitere Personen, werden mit Nicht bestanden bewertet, ohne zusätzlichen Prüfungsversuch. Die genauen Folgen regelt deine Prüfungsordnung, die Richtung ist aber überall dieselbe.